Anfang Mai und die Twitter-Timeline wimmelt nur so vor #rp15-Hashtags. Jedes Jahr das Gleiche, denn mit der re:publica steht jeden Frühling ein Event an, das zahlreiche Internetfreaks nach Berlin lockt und diese über netzpolitische Themen bis hin zu Social Media zwitschern lässt. Wie auch schon in den beiden vergangenen Jahren war auch ich wieder vor Ort, weshalb ich euch heute einen kleinen Rückblick vom dreitägigen Klassentreffen geben möchte.

republica 2015

Mehr als 400 Sessions und 800 Speaker haben 2015 für eine geballte Informationsflut gesorgt. Anders als noch 2013, wo ich mir im Vorhinein lange Gedanken gemacht habe, welchen Vortrag ich wann besuchen würde, ging ich dieses Mal, wie auch schon 2014, völlig unbedarft ans Werk. So suchte ich mir für die drei Tage neun Sessions aus, die ich priorisierte. Den Rest ließ ich einfach auf mich zukommen, denn insgeheim wusste ich sowieso, dass ich wieder sehr viel Zeit im Innenhof mit Gesprächen mit anderen Internetmenschen verbringen würde.

Tag 1 – Rechtliches, Netflix und Pussy Riot

Für den ersten Tag nahm ich mir vor allem die Opening-Session vor, die ich aber verpasste, da in dieser Woche nicht nur die GDL streikte, sondern auch die Geldautomaten rund um den Potsdamer Platz. Mit etwas Verzögerung traf ich dann aber doch an der STATION Berlin am Gleisdreieck ein und konnte nur noch wenige Wörter der Gründer um Markus Beckedahl, Andreas Gebhard, Tanja und Johnny Haeusler erhaschen.

Alles halb so wild, schließlich hatte ich somit ein bisschen Luft, um mir in aller Ruhe die einzelnen Startups auf dem Gelände anzuschauen. Dabei machte ich unter anderem einen Halt bei VAMOS, einer Veranstaltungs-App, die anzeigt, wo in der Nähe es welchen Event gibt. Also das „neue“ Foursquare in cool sozusagen. Und das schreibe ich nicht nur, weil ich für einen kurzen Test auch gleich ein T-Shirt abstauben durfte, sondern weil ich die App tatsächlich mehr als einmal benutzt habe, was durchaus ein Qualitätsmerkmal darstellt.

Was die Sessions des ersten Veranstaltungstages betrifft, so kam ich als Social Media-Mensch nur unschwer an den Vorträgen von Carola Sieling zum Fotorecht und Thomas Schwenke zur Schleichwerbung vorbei. Viel Neues gab es dabei nicht, außer dass das Thema Schleichwerbung weiterhin sehr gehypet wird. Dass Thomas Schwenke dazu riet, der Steuererklärung auch in Zukunft mehr Beachtung zu schenken als der Angst vor einer Abmahnung durch Schleichwerbung, spricht allerdings auch für die doch nicht allzu hohe Bedeutung.

Das Highlight des ersten Tages war sicherlich der Vortrag von Netflix-CEO Reed Hastings, der in Steve Jobs-Manier dazu plädierte, für die Dinge Zeit zu investieren, für die man brennt. Dabei wiederholte sich auch die ein oder andere Floskel der damaligen Rede des Apple-Gründers in Stanford – oder zumindest hatte ich den Eindruck, dass dies so war. Weniger inspirierend als Jobs war Hastings trotzdem nicht.

Eine Diskussion mit Pussy Riot, eine Lesung von „Bier trinken“ über das Konsumieren von Alkohol und ein kurzer Besuch bei Team Wallraff rundeten den ersten Veranstaltungstag noch nicht ganz ab. Denn einige Stunden vor der re:fill Bar im Innenhof der STATION Berlin standen noch bevor, schließlich musste man ein paar alten Netzkollegen „Hallo!“ sagen und virtuell bekannte Personen endlich in Realität kennenlernen – ein echtes Klassentreffen eben.

Tag 2 – Programmierende Kids, Laterpay und Astronautengeschichten

Mit „Schwarmdummheit!“, dem Vortrag von Gunter Dueck sollte eigentlich mein zweiter re:publica-Tag beginnen. Doch aus dubiosen Gründen verpasste ich diesen und machte erst danach Halt auf der #rp15. Dass mir so einiges entging, wurde mir vor allem dadurch bewusst, dass mich nahezu jeder auf den genialen Vortrag, der sich mit dem (fehlenden) Zusammenspiel von Mathematikern und BWLern in Unternehmen befasste, ansprach. Wie gut, dass es die Sessions nachträglich zum Streamen gibt.

„Kinder programmieren“ war somit der erste Vortrag, dem ich an Tag zwei zuhören durfte. Anhand von Zahlen und Umfragen wurde deutlich gemacht, wie sehr Deutschland momentan bei digitalen Lehrinhalten hinterher hängt. Doof nur, dass dies nicht nur auf die Lehrinhalte von Kindern zutrifft, sondern auch auf uns Erwachsene, denn hinsichtlich der Offenheit für digitale Medien oder Netzneutralität sind wir im europäischen Vergleich weiterhin nur Mittelmaß – wenn überhaupt.

Da ich mich seit einigen Monaten sehr intensiv mit dem Thema Monetarisierung von Blogs beschäftige, kam mir der Vortrag „Indenpendent… and paid. Über Micropayment zum zahlenden Leser.“ sehr gelegen. Der Fokus lag dabei auf Laterpay. Eine ziemlich coole Möglichkeit zur Generierung von Einnahmen für Blogger und Journalisten, die im vergangenen Jahr erstmals vorgestellt wurde. Schon damals saß ich in der Session, weshalb ich ganz besonders gespannt auf die Entwicklung des Paywall-Konzeptes war.

War in den vergangenen Jahren die Rede zur Lage der Nation von Sascha Lobo die Sensation des zweiten Tages, so war es diesmal sicherlich der Vortrag von Alexander Gerst, unserem Astronauten, der sechs Monate auf der ISS verbrachte. Er zeigte nicht nur beeindruckende Bilder und erzählte die ein oder andere Anekdote, sondern bewies auch, dass er ein ziemlich cooler und authentischer Typ ist. Kein Wunder, dass er nicht nur die Schüler in der ersten Reihe verzauberte, deren Berufswunsch spätestens seit dem Vortrag feststehen dürfte.

Kurz darauf war wieder Netzwerken angesagt, denn um 16 Uhr versammelten sich die Ironblogger. Ähnlich wie bei unserer Karlsruher Gruppe, deren auflösendes Ende spürbar zu erkennen ist, ergeht es auch anderen Gruppierungen. Deutlich wurde dies vor allem an der regen Teilnahme und dem im Vergleich zum letzten Jahr stark zurückgegangenen Bierkonsum, was etwas schade war, denn das Ironblogger-Konzept ist eigentlich eine ziemlich starke Sache. Nach zwei Jahren werde auch ich mich wohl zurückziehen und das Ironblogger-Dasein beenden. Mal schauen.

Weitaus mehr Andrang gab es am späten Nachmittag, als 1und1 bei BlognBurger im Gretchen am Mehringdamm für jeden Blogger einen Burger springen ließ. Vielen Dank für das Sponsoring und die überaus leckeren Fressalien. Mit dem letzten Biss verabschiedete ich mich für diesen Tag von der re:publica und war froh ein paar Freunde zu treffen, die mittlerweile in Berlin angesiedelt sind. Und ganz ehrlich: So schön die re:publica ist, so gut ist es, ihr zwischendurch auch mal den Rücken zu kehren und sich über „normale“ Themen zu unterhalten.

Tag 3 – Fehlende Aufnahmefähigkeit, Psychologisches und Bildungstrinken

Nicht-mehr-aufnahmefähig. Mit diesem Adjektiv, bestehend aus drei Wörtern, würde ich meinen mentalen Zustand an Tag drei beschreiben. Denn nach all den Vorträgen und Gesprächen fällt es nicht gerade leicht, zusätzliche Informationen aufzunehmen. Obwohl dem so ist, hatte ich keine andere Wahl, als weiteren Sessions zu folgen. So zum Beispiel „Funktioniert Community-finanzierter Journalismus in Deutschland?“ mit einigen Größen der deutschen Jounalismus-Branche. Oder auch „Karl der Käfer wurde nicht gefragt – …“, wo es primär um das Internet of Things ging.

Alles spannend und gut, vor allem auch die Session vom Psychologen Jan Kalbitzer, die sehr interessant war und ich trotz aller Informationsflut wie folgt für mich zusammenfasste:

Bei Bildungstrinken am späten Nachmittag ging es nicht etwa um interkulturelle Kompetenzen, sondern vielmehr um die Geschichte einzelner Getränke, die hinter den Bars dieser Welt kreiert werden. Während der Session gab es neben einem Brainstorm noch drei weitere Drinks, die zu einem feuchtfröhlichen Beisammensein einluden. So wurden aus Fremden plötzlich nette Gesprächspartner, sodass man die Abschlussveranstaltung fast völlig aus den Augen verlor.

"Laptops zu, jetzt wird getrunken!" #klareansage #bildungstrinken #rp15

Ein von Daniel Schöberl (@danielschoeberl) gepostetes Foto am

Wieder mal eine starke Veranstaltung

Im Vergleich zu den vergangenen beiden Jahren ändert sich am Fazit nicht wirklich viel. Die re:publica ist das Event in Deutschland, das mich jährlich aufs Neue begeistert und daher meine klare Nummer eins ist. Klasse Vorträge, tolle Leute und großartige Feiern. Wenn es was zu kritisieren gibt, dann vielleicht die Tatsache, dass die #rp15 noch ein bisschen kommerzieller geworden ist, die Anzahl der Besucher weiter steigt und einzelne Räume bei Vorträgen aus allen Nähten platzen.

Was ich aus Berlin mitgenommen habe, ist, dass es sich lohnt zu bloggen und seine eigene Meinung im Netz zu streuen. Wichtigste Eigenschaften dabei: sich treu zu bleiben und sich nicht zu verkaufen. Ich habe eine Menge neuer Ideen gesammelt, viele interessante Gespräche geführt, eventuell ein weiteres Blogprojekt am Start und eine Menge Spaß gehabt. Danke an alle, die das Klassentreffen jedes Jahr aufs Neue so großartig machen: Veranstalter, Helfer, Sponsoren, Speaker, Internetmenschen wie du und ich,…

Am 2. Mai geht es in die nächste re:publica-Runde und ich freue mich schon jetzt wie ein Schnitzel darauf. Wir sehen uns in Berlin.

re:publica 2015: Es war schon wieder großartig
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